Altbewährte Konzepte modern umgesetzt
Im Leistungssport hat sich einiges getan: Technik und Wissenschaft finden zunehmend Einzug in Bereiche, die früher nur durch Erfahrung und Intuition geleitet wurden. Die Elektromyographie (EMG) ist eine dieser Innovationen, die den Trainingsalltag bereichern kann. Dabei geht es nicht darum, alte Methoden über Bord zu werfen, sondern sie durch präzise Daten zu ergänzen.
EMG macht es möglich zu sehen, welche Muskeln „wie stark“ arbeiten und bietet so eine objektive Grundlage, um Trainingspläne noch gezielter zu gestalten. Trainer und Physiotherapeuten können EMG-Mappings und EMG-Biofeedback-Training in das vorhandene Konzept integrieren und so bewährte Konzepte noch effektiver umsetzen.
Beispiel aus der Olympia-Vorbereitung für Paris
Volker Beck, einer der erfahrensten Trainer im Deutschen Leichtathletik-Verband, setzt auf etablierte Methoden zur Weiterentwicklung seiner Athleten. Hürdenläufer Joshua Abouaku nutzte das EMG-Mapping und Biofeedback-Training, um tiefergehende Erkenntnisse über seine Potenziale zu gewinnen. Der Fokus lag dabei auf der Ansteuerung des M. gluteus medius und des M. Peroneus longus, die essentiell für die laterale Kontrolle des Standbeins sind. Er erlangte im EMG-Biofeedback-Training wertvolle Kenntnisse über die kontrollierte Ansteuerung dieser Areale und verbesserte so die unwillkürliche Integration in die dynamische Bewegung.
Richtwerte der Ansteuerungsfähigkeit
Die willkürliche Aktivität eines Zielmuskels kann unterschiedlich ausgeprägt sein, je nach Aktivierung im Alltag oder im Sport. Ein zentraler Test im Mapping ist der MVA (maximum voluntary activation): Ziel hierbei ist, den Muskel so stark wie möglich willkürlich anzuspannen. Aus über 10 000 Messungen in der Praxis lassen sich folgende grobe Richtwerte ableiten:
Kein Sportler mit sitzender Tätigkeit: oft < 50 μV
Breitensportler einer Laufsportart: zwischen 150 und 250 μV
Profifußballer: zwischen 250 und 800 μV+
Individualsportler mit Fokus auf laterale Kontrolle: 400 – 1000 μV+
„Für mich war es nach der ersten Messung eine erstaunliche Erfahrung zu sehen wie unterschiedlich Athleten auf den Reiz reagieren.“ – Volker Beck, Bundestrainer Deutscher Leichtathletik-Verband. Auch in der Fußball Bundesliga wird EMG immer häufiger für „Medichecks“ zu Saisonbeginn eingesetzt, um neuromuskuläre Dysbalancen frühzeitig zu erkennen und eine Baseline-Messung der wichtigsten Muskeln zu erstellen. Intraindividuelle Vergleiche wie vor der Saison versus nach einer Verletzung, rechts versus links oder der Vergleich verschiedener Übungen untereinander sind bewährte Methoden, um mit EMG-Messungen einen direkten Mehrwert im Training zu erzielen.
Kompensation: physiologisch und manchmal tückisch
Neuromuskuläre Dysbalancen – ein sperriger Begriff für ein häufiges Problem im Sport. Oft entstehen sie durch Überkompensation, wenn der Körper versucht, Schwächen in bestimmten Muskelgruppen auszugleichen. Gerät das Verhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit aus dem Gleichgewicht, steigt das Risiko für Verletzungen, Schmerzen und Leistungseinbrüche.
EMG zeigt in Echtzeit, welche Muskelgruppen bei einer Übung aktiv sind und ob eine fehlerhafte Kompensation durch andere Muskelgruppen vorliegt. Durch EMG-Mapping wird ein umfassender Überblick über die umliegende Muskulatur erstellt und die Wirksamkeit der Übungen im eigentlichen Zielmuskel gezielt überwacht.
Schwachstelle erkennen und gezielt ansteuern
Ein Beispiel aus der Praxis: Stephan Pütz, einer der besten MMA-Kämpfer Deutschlands, erlitt nach einem schweren Motorradunfall eine Schulterverletzung. EMG-Analysen zeigten, dass die Aktivität im M. infraspinatus auf der betroffenen Seite weniger als die Hälfte seines individuellen Referenzwertes erreichte, obwohl dieser bei der Verletzung (Tossy 3/ Schultereckgelenksprengung) nicht direkt betroffen war. Die Folge: Muskelatrophie oder anders gesagt, ein Rückgang der Muskelmasse.
Mithilfe von gezieltem Biofeedback-Training konnte Pütz einem weiteren Abbau der Muskulatur entgegenwirken und die gezielte Aktivierung des M. infraspinatus auch in Kraftübungen für den Muskel einsetzen, um einer potenziellen Kompensation entgegenzusteuern. Biofeedback-Training, eine umfassende Physiotherapie sowie ein bewusster Umgang mit den beitragenden Faktoren wie entzündungshemmende Ernährung, gezielte Trainingssteuerung und eine positive mentale Einstellung befähigten Stephan Pütz, ohne Operation nur wenige Monate nach dem Unfall wieder ins Oktagon zu steigen und erfolgreich seinen Kampf zu absolvieren.
Monitoring zur Quantifizierung des Trainingserfolges
Trainingsfortschritte lassen sich nicht nur spüren, sondern auch messen. Bei Stephan Pütz zeigte sich durch kontinuierliches EMG-Monitoring eine deutliche Verbesserung seiner Muskelaktivität. Diese Daten helfen Trainern und Athleten, den Erfolg des Trainings zu quantifizieren und bei Bedarf sofort Anpassungen vorzunehmen.
Biofeedbacktraining: eine unterschätzte Trainingsmethode
EMG-Biofeedback-Training mag technisch klingen, ist jedoch äußerst wirkungsvoll. Athleten erhalten direktes visuelles Feedback über ihre Muskelaktivität und können so ihre Bewegungen und Techniken gezielt optimieren. Das „Cueing“ des Trainers wird überprüfbar: Setzt der Athlet das um, was ich von ihm erwarte? Kommt die Übung dort an, wo sie wirken soll? Durch den externen Fokus verbessern sich Körpergefühl und Selbstwirksamkeit, was nun anhand der erlernten Aktivierungsübungen in den Trainingsalltag integriert werden soll.
„Ich sehe, wie ich bestimmte Muskelgruppen einfach besser aktivieren kann, und habe das Gefühl, dass es mir gerade bei sehr speziellem Training, wie zum Beispiel dem Sprint, noch mal weiterhelfen kann.“ Joshua Abuaku, Hürdenläufer TeamD Tokio 2020 und Paris 2024. Neben dem Trainingsbereich ist EMG vor allem in der Sportmedizin ein wertvolles Werkzeug. Dr. med. Christoph Lambert, Teamarzt der Deutschen Judo-Nationalmannschaft und des Surf-Olympia-Teams, nutzt EMG präventiv und im Return-to-Sport Prozess, um Dysbalancen zu erkennen. Studien und Praxisberichte aus dem Profisport untermauern die Wirksamkeit des Biofeedback-Trainings.
„Gerade im Bereich von Pre-Season-Screenings, zur Verletzungsprävention und im Return-to-Sport sind EMG-Screenings und EMG-Biofeedback für unsere Nationalmannschaften wichtige Tools, was ein neues Level an Betreuung geben kann.“ Dr. med. Christophe Lambert, Teamarzt der Judoka- und Surf-Nationalmannschaften.
Fazit
Immer mehr Trainer und Physiotherapeuten im Leistungssport erkennen den Wert der modernen EMG-gestützten Analyse und des EMG-Biofeedback-Trainings. Im Leistungssport wie auch in der Betreuung von Breitensportlern sollte es darum gehen, die Vorteile moderner Technik mit bewährten Konzepten zu verbinden. So kann das Training der Athleten optimiert werden und gleichzeitig ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit nachhaltig gefördert werden. Die Zukunft des Leistungssports liegt in dieser Symbiose – und das Beste daran: Diese Zukunft beginnt jetzt.
