EMG-Schulterscreenings
- drei Beispielpatienten

8 Min. Lesezeit

Philipp Piroth

Wie objektives Schulter-Screening mit EMG aussehen kann, zeigen drei reale Fallbeispiele: Von der Pulley-Läsion im Alter bis zur SLAP-Verletzung im Profisport. Mit nur wenigen Messungen wird durch eine Visualisierung der Muskelaktivität sichtbar, was sonst verborgen bleibt – und das liefert die Grundlage für individuelle Therapie, effektives Training und nachhaltige Prävention.

EMG – Messen der Muskelaktivität

Während Röntgen- oder MRT-Messungen als Goldstandard im heutigen Gesundheitssystem etabliert sind, ist EMG (Elektromyografie) in vielen Kreisen noch unbekannt. EMG ist kein bildgebendes Verfahren im klassischen Sinn, sondern ein funktionelles Messverfahren zur Darstellung der elektrischen Aktivität von Muskeln in Echtzeit. Es erlaubt, muskuläre Dysbalancen sichtbar zu machen und anhand automatisch generierter Reports eine individuelle Therapieplanung zu erstellen. Die Aktivität eines Muskels sowie die neuromuskuläre Ansteuerung können nicht ertastet werden, mit Hilfe von EMG können jedoch Hypothesen hierzu objektiv überprüft werden. Auf diese Weise kann jeder Analyseablauf durch EMG ergänzt werden, ohne ihn grundlegend verändern zu müssen.

 

Schulterscreening in 3 Minuten

EMG kann Muskelaktivität sowohl im Ruhezustand, als auch in der Bewegung oder im Training sichtbar machen. Insgesamt 36 oberflächlich messbare Muskeln können mit myoact gemessen werden, darunter der M. trapezius als Key Stabiliser der Schulter (desc. / trans. / asc.), der M. infraspinatus, die Anteile des M. pectoralis major, der M. biceps brachii, der M. triceps brachii, der M. serratus sowie der M. deltoideus (ant. / med. / post.). Das Mapping eines dieser Muskeln umfasst Ruhezustand, willkürliche und unwillkürliche Aktivität und dauert etwa 3 Minuten. Anschließend wird ein Report generiert, der Vergleiche zu Normwerten liefert, Dysbalancen aufzeigt und mögliche Übungen zur Korrektur dieser vorschlägt.

 

Beispiel: Pulley-Läsion mit 74 Jahren

Unser Beispielpatient hatte eine Pulley-Läsion auf der linken Seite und kam im dritten Monat nach seiner Operation zu unserem Mitgründer Philipp Piroth in die Behandlung, da er seinen Arm nicht höher als 100 Grad heben konnte. Aufgrund einer vorangegangenen Sepsis und einem temporären Anus Praeter, waren viele Ansteuerungsmuster verloren gegangen und die Trainingsmöglichkeiten limitiert. Im Eingangsmapping des oberen M. trapezius wurde deutlich, dass sowohl auf der rechten, als auch auf der operierten linken Seite ein gewisser Grundtonus herrschte, der aufgrund seiner Unökonomie in der myoact-App als rot gekennzeichnet war. Auch bei Befehlen wie “Hebe deine Schultern an” ergab sich eine Differenz von über 60%, da jegliche Bewegungen des linken Armes durch die rechte Seite kompensiert wurden. Mapping-Übungen zur Abduktion und Flexion der Arme zeigten sogar Differenzen über 80% und deutliche Anzeichen für eine Überlastung der rechten Seite. Ähnliche Muster zeigten sich auch für den unteren M. trapezius, während der linke anteriore Delta die fehlende Aktivität des linken M. trapezius durch übermäßige Aktivität kompensierte.

Alle Details zum beschriebenen Fall kannst Du dir hier auch in der Aufzeichnung des Fallbeispiel Webinars ansehen.

Das Mapping als Grundlage des Therapieplans

Auf Grundlage des Eingangsmappings wurde der weitere Therapieverlauf festgelegt. Im Vordergrund stand zunächst das Trainieren der Ansteuerung im Stehen. Zusätzlich wurde mit Biofeedback-Training am Kabelzug gearbeitet. Biofeedback-Training bedeutet hier das Training unter visueller Kontrolle der Muskelaktivität. So können während einer Übung die Muskelaktivität gesehen und stetige Anpassungen vollzogen werden. Gleichzeitig wurden die posteriore Gelenkkapsel der Glenohumeralgelenks sowie die Brustwirbelsäule manuell mobilisiert. Zur Reduktion der Überaktivität im M. deltoideus anterior wurde außerdem radiale Stoßwellentherapie an diesem Muskelanteil durchgeführt.

 

Retest nach 5 Monaten

Nach 5 Monaten aktivem Training und den weiteren genannten Therapiekomponenten zeigten sich im Retest folgende Werte: Der obere M. trapezius wies immer noch eine leichte Grundspannung auf beiden Seiten auf, allerdings konnte die Überaktivität der rechten Seite deutlich reduziert werden und die Aktivität der linken Seite deutlich erhöht werden, sodass ein Balance-Score von 84% erreicht werden konnte und die Bewegung deutlich ökonomischer wurde. Das Ziel war hier nicht: “So viel Aktivität wie möglich”, sondern ein altersentsprechender ökonomischer Bewegungsablauf.

Auch die Ruhespannung des unteren M. trapezius konnte reduziert werden und die willkürliche Ansteuerung auf der linken Seite konnte deutlich verbessert werden, auch wenn hier zum Zeitpunkt des Retests noch eine deutliche Kompensation durch die rechte Seite vorlag. Dieser Fortschritt war neben dem Biofeedback-Training auch besonders durch die Stoßwellentherapie möglich, da so die Kompensation des M. deltoideus anterior etwas verringert werden konnte.

 

Beispiel: Supraspinatus Refixation mit 81 Jahren

Die Therapie und das Training dieses Beispielpatients begann etwa 3 Monate nach seiner Operation. Seine Schulterbewegung war limitiert ab 90 Grad. Da keine strukturellen Bewegungseinschränkungen vorlagen, wurde hier insbesondere auf aktive Maßnahmen gesetztt: Der untere M. trapezius wurde zunächst abgeleitet und gezielt trainiert, um das Scapular-Setting, also die kontrollierte Positionierung des Schulterblatts, zu verbessern. Sowohl die gesunde linke Seite, als auch die operierte rechte Seite zeigten sehr niedrige Aktivitätsmuster. Anhand von Kabelzügen, Kettlebell-Training und weiteren Ansteuerungsübungen wurde angestrebt, die Muskulatur stetig zu reaktivieren. 20 Wochen nach der Operation konnten so deutlich bessere Aktivitätsmuster gemessen werden mit einer Steigerung von bis zu 150 / 200 Mikrovolt beidseitig.

 

Beispiel: Profiathlet, 27 Jahre, SLAP-Läsion

Unser nächster Beispielpatient ist der international erfolgreiche Judoka Dominik Ressel. In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020 zeigten sich durch eine SLAP-Läsion Instabilitäten im Bizeps, sodass nach der Verlegung der Olympischen Spiele auf 2021 entschieden wurde, ihn zu operieren. Durch diese Operation entwickelte sich jedoch zusätzlich eine Tenodese der Bizepssehne und somit auch ein starkes Innenrotationsdefizit, das für Ressel dramatisch war, da seine Technik stark auf eben dieser Bewegung basierte. Auch in seinem Joballtag als Polizist war er eingeschränkt, da er mit dem linken verletzten Arm nicht mehr an seinen Schlagstock greifen konnte.

EMG als Methode der Wahl

Die medizinische Behandlung war umfassend: Neuraltherapie, Stoßwelle, tägliche Behandlung; zeigte jedoch nur mäßigen Erfolg (ca. 50 % Verbesserung). Deshalb wurde EMG als Methode der Wahl herangezogen und ein erstes Mapping durchgeführt. Dieses zeigte Asymmetrien im M. trapezius. Auf der gesunden rechten Seite konnte er das Schulterblatt gezielt aktivieren, auf der betroffenen linken Seite kam es zu einer Co-Kontraktion, also gleichzeitiger, nicht differenzierter Muskelanspannung der rechten Seite – ein Hinweis auf eine gestörte Muscle-Mind-Connection.

Eine strukturelle Einschränkung wie GIRD oder ein Innenrotationsdefizit konnten ausgeschlossen werden, stattdessen wiesen Videodaten aus dem Training und weitere EMG-Mappings auf ein funktionelles Problem hin. Sie zeigten, dass Ressel bei Klimmzügen den Pectoralis major (Brustmuskel) übermäßig aktivierte – sogar dominanter als den unteren M. trapezius. Dies deutete deutlich auf eine Kompensation hin.

 

Trainingsanpassungen und visuelles Feedback

Die Analyse weiterer Übungen bestätigte die Überaktivität des Brustmuskels, sodass im nächsten Schritt verschiedene Trainingsanpassungen vorgenommen wurden. Zum Einen wurden Trainings für die Brustmuskulatur reduziert, während gleichzeitig der Fokus auf den M. trapezius als Gegenspieler der hinteren Kette (nochmal überprüfen) gelegt wurde. Indem Biofeedback beim Training eingesetzt wurde, konnte so darauf hingearbeitet und anhand von visuellem Feedback stetig überprüft werden, dass der M. trapezius bei Klimmzügen und anderen Übungen aktiver ist als der Pectoralis major. Diese Anpassungen des Trainings führten dazu, dass Ressel 2021 an Olympia teilnehmen konnte, im Teamwettkampf sogar Bronze gewann und den amtierenden Weltmeister besiegte.

 

Fazit

EMG-Screenings an der Schulter ermöglichen es, muskuläre Dysbalancen sichtbar zu machen und gezielt zu behandeln. Insbesondere der obere und untere M. trapezius spielen dabei eine Schlüsselrolle und sollten im Eingangsmapping berücksichtigt werden. Ob nach einer OP, bei chronischen Beschwerden oder auch im Spitzensport – Hypothesen können mit Hilfe von EMG validiert und im Anschluss zielgerichtet behandelt werden. So kann EMG als Tool auch präventiv angewendet werden, um so Verletzungen zu verhindern und die Leistungsfähigkeit, die Muscle-Mind-Connection und ein ökonomisches Bewegungsmuster zu stärken.

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