Hier zunächst eine allgemeine Unterscheidung der unterschiedlichen Anwendung von EMG je nach Einsatzbereich. Das folgende Beispiel betrifft die Anwendungsfälle A und B: (Bild)
Ein EMG-Mapping vergleicht drei Aktivitätszustände: „Ruhetonus“, „willkürliche Aktivierung“ und „unwillkürliche Aktivierung“. Der „Ruhetonus“ wird im Stehen gemessen und sollte 20 µV nicht überschreiten. Detonisierende Maßnahmen oder eine intensive Aktivierung der betroffenen Muskelgruppen können bei einer Hyperaktivität helfen, den gemessenen Tonus zu reduzieren.
Die „willkürliche Aktivierung“ bzw. die bewusste Aktivierung eines Muskels verbessert die Kontrolle eines Athleten über sein Kraftpotential. Die „unwillkürliche Aktivierung“ visualisiert die Muskelökonomie während der Bewegung. Hohe Aktivitätswerte sind hier nicht pauschal als „gut“ zu bewerten, sondern können auf eine Schwäche hinweisen, die durch eine hohe Aktivierung kompensiert wird. Eine umfassende Analyse berücksichtigt daher alle drei Aktivierungsformen sowie die Berechnung eines Balance Scores, um inter- & intramuskuläre Differenzen zu identifizieren.
Bei auffälligen Ergebnissen folgt ein Biofeedback-Training, um willkürliche und unwillkürliche Aktivierung zu verbessern. Dynamische Trainingsübungen helfen, eine gezielte und schnelle Muskelaktivierungsfähigkeit in sportartspezifischen Bewegungen zu gewährleisten.
Die Bedeutung des M. gluteus medius (GM)
Der GM stabilisiert das Becken und unterstützt die Hüftaußenrotation und den unteren Rücken. Seine Funktion optimiert Haltung und Effizienz in der Bewegungsausführung und kann bei ordnungsgemäßer Funktion Verletzungen vorbeugen.
EMG-Untersuchungen an 48 männlichen Fußballspielern aus Deutschlands drei Top-Ligen ergaben Unterschiede in der willkürlichen (Durchschnitt: 430 µV [± 215 µV], Bereich: 140 – 1133 µV) und in der unwillkürlichen Aktivierung des GM (Durchschnitt: 449 µV [±168 µV], Bereich: 219 – 1116 µV), mit den höchsten Durchschnittswerten bei Spielern der ersten Bundesliga.
Beispiel: Belastungsabhängige Hüftschmerzen
Die folgende Fallstudie veranschaulicht das Zusammenspiel von Screenings und Biofeedback-Trainingseinheiten des GM anhand eines Spielers mit belastungsabhängigen Hüftschmerzen. Die sagittale Stabilität im Standbein ist beim Fußball entscheidend für optimale Leistung und Bewegungsökonomie. Dabei ist die neuromuskuläre Funktion des GM ein Schlüsselfaktor.
Initiales Mapping des M. gluteus medius (Abb. 2 a)
Das standardisierte Mapping des GM besteht aus sechs Übungen und beginnt mit der Ruhepositionsmessung, die hier unauffällig war (unterhalb von 20 µV). Bei der willkürlichen Aktivierung (beide Gesäßmuskeln gleichzeitig anspannen) lag der Balance Score von 74% leicht unter dem Symmetrieziel von 80%.
Einseitige isolierte Aktivierungsübungen zeigten deutliche Unterschiede: Links erreichte der Spieler 119 µV (Balance Score: 89 %), rechts nur 62 µV (Balance Score: 55 %) bei kompensatorischer gleichzeitiger Aktivierung des linken GM. Die letzte Übung „Einbeinstand links und rechts“ zielt auf die unwillkürliche, stabilisierende Aktivierung ab und war mit Werten von 400 µV unauffällig.
Biofeedback-Training
Im Biofeedback-Trainingsmodus sieht der Spieler die Muskelaktivitätswerte der EMG-Sensoren auf einem Tablet-Bildschirm (externer Fokus), was die Grundlage für eine Verbesserung der willkürlichen und der „isolierten“ willkürlichen Aktivierung darstellt. Auch Körperbewusstsein, Motivation und Compliance nehmen zu. Zur Übertragung auf unwillkürliche Bewegungen wurden Einbeinstand-Übungen mit Hüftaußenrotation des angehobenen Spielbeins durchgeführt. Sinkt oder stagniert die EMG-Aktivität, deutet dies auf eine Kompensation durch andere Muskeln hin. Verbesserungen sollten bereits nach der ersten Trainingseinheit spürbar sein, spätestens jedoch nach einigen Tagen aktiver Übung.
Kontinuierlicher Einsatz im Athletiktraining
Nach dem EMG-Screening wurden gezielte GM-Übungen in den Trainingsplan aufgenommen. EMG-Messungen während der Kraftübungen halfen, Ausführung und Effizienz zu optimieren. Kleine Ausführungsanpassungen konnten die Aktivierung bei einer vollständige Beckenstreckung während eines Seitstützes um bis zu 200 µV steigern, während parallel Muskeln wie M. tensor fasciae latae und M. biceps femoris beobachtet wurden, um Kompensationen zu erkennen und zu korrigieren.
Ergebnisse der ersten Phase (Abb. 2 b)
Nach 3 Wochen Trainings-Intervention blieb der Ruhetonus stabil und die willkürliche Aktivierung (Squeeze Your Glutes) wurde beidseits erheblich von 100 µV auf über 600 µV verbessert. Da ein Krafttraining in der Wettkampfphase nur begrenzt durchgeführt werden kann, wird diese Zunahme weniger auf Kraftzuwächse zurückgeführt, sondern durch eine deutlich verbesserte willkürliche Aktivierung erklärt. Dies zeigt sich auch in der isolierten willkürlichen Aktivierung (Squeeze Your Left /Right Glute) mit höheren µV-Werten und besseren Balance Scores. Auch die unwillkürlichen Übungen (Einbeinstand) verzeichneten höhere Werte, mit einer Asymmetrie von 69 % im Balance Score, die in der nächsten Trainingsphase adressiert wurde.
Re-Test in Mid-Season Screening (Abb. 2 c)
Nach einer Phase ohne EMG-Überwachung und Mapping zeigten sich im Mid-Season Screening linksdominante Ungleichgewichte und eine leicht erhöhte Aktivierung des passiven Muskels bei der willkürlichen Aktivierung. Die unwillkürliche Aktivierung des GM während des Einbeinstandes auf der rechten Seite fiel auf den Wert des initialen Mappings zurück, was die Bedeutung kontinuierlichen Trainings unterstreicht. Dies kann durch gezieltes Biofeedback-Training rasch wieder verbessert werden, wie in Abbildung 3 über drei verschiedene Messungen für die Übung „Squeeze Your Right Glute“ gezeigt. Ein Anstieg nach drei Wochen Intervention und ein leichter Rückgang nach sechs Monaten werden deutlich.
Fazit
EMG-Untersuchungen bieten Einblicke in die Muskelaktivität und unterstützen die individuelle Analyse. Biofeedback-Training unterstützt den Athleten bei seiner Fähigkeit zur Muskelaktivierung und bei der effizienten Ausführung von Übungen. Auch bei fehlendem Engagement und Motivation kann Biofeedback-Training, mit seinem direkten visuellen Feedback und dem Anzeigen positiver Veränderungen, unterstützend wirken. Die erfolgreiche Integration von EMG in den sportlichen Alltag erfordert benutzerfreundliche, intuitive, vorzugsweise drahtlose Systeme für einen flexiblen und effektiven Einsatz. Die Möglichkeit, Daten schnell zu erheben und aussagekräftig zu interpretieren, ist im Profisport entscheidend.
