Warum der Vastus medialis?
Die klinische Relevanz des Vastus medialis zeigt sich schon dadurch, dass er einer der wenigen Muskeln ist, die häufig von überweisenden Ärzten explizit genannt werden. Insbesondere bei Kniebeschwerden wie dem patellofemoralen Schmerzsyndrom, der lateralen Patellaluxation oder dem Patellaspitzensyndrom taucht der Vastus medialis immer wieder als möglicher Problemverursacher auf. Die Studienlage ist bisweilen heterogen: Einige Studien belegen eine signifikant reduzierte Aktivität des Vastus medialis bei bestimmten Pathologien, andere widersprechen dem. Die Erfahrung der Physiotherapeuten und myoact-Gründer Simon Roth und Philipp Piroth zeigt jedoch: In den meisten Fällen gehen Knieschmerzen mit einer verminderten Aktivität des Vastus medialis einher.
(Dys-)Balance zwischen Vastus medialis & Vastus lateralis
Entscheidend ist hier nicht die Seitendifferenz zwischen der linken und der rechten Seite, sondern vielmehr die Aktivität des Vastus medialis im Verhältnis zu der Aktivität des Vastus lateralis. Dieses Verhältnis kann anhand eines EMG-Mappings überprüft werden. Die myoact-App stellt es anschließend anhand eines Ampelsystems dar, in dem eine Differenz von bis zu 15-20% noch als “grün” und dementsprechend unproblematisch bewertet wird. Besteht nun jedoch eine Abweichung dieser Vorgabe und es werden gelbe oder sogar rote Werte angezeigt, so sind dies Hinweise auf muskuläre Dysbalancen. Dysbalancen sind zwar kein Garant für Schmerzen und Schmerzen resultieren nicht immer aus Dysbalancen, dennoch sind muskuläre Dysbalancen eine wichtige Teilkomponente, die bei Knieschmerzen immer in Betracht gezogen werden sollte. Der Fakt, dass eine sichtbare Schwellung am Knie fast immer mit einer arthrogenen muskulären Inhibition (AMI) des Vastus medialis einhergeht, bestätigt das. Es kommt also zu einer reflektorischen Hemmung der Muskelaktivität, ohne dass der Vastus medialis selbst verletzt ist.
EMG-Mapping zur Detektion von Dysbalancen
Hält eine Schwellung des Knies länger an oder bleibt dieses Kompensationsmuster trotz Abnahme der Schwellung bestehen, so entsteht eine anhaltende Dysbalance, die in Kombination mit anderen Dysbalancen zu Symptomen führen kann. Ob das der Fall ist, kann mit Hilfe eines EMG-Mappings des Vastus medialis überprüft werden.
Mit der myoact-App kann in 3 Minuten das Mapping eines Muskels durchgeführt werden. Das bedeutet, dass die Aktivität eines Muskels funktionell analysiert wird. Ruheaktivität, willkürliche und unwillkürliche Aktivität werden anhand vorgegebener Übungen überprüft und anschließend in einem individuellen Report dargestellt. Für 36 oberflächlich messbare Muskelgruppen können so Ergebnisse geliefert werden, die Dysbalancen, verminderte Muskelaktivität oder auch unökonomische Muskelaktivität (also eine Überlastung) darstellen. Im Fall des Vastus medialis werden neben der Ruheposition im Stand die maximale willkürliche Aktivität bei der Streckung des Knies in verschiedenen Positionen und die zweibeinige und einbeinige Kniebeuge (unwillkürliche Aktivität) getestet.
Beispiel: Patellaspitzensyndrom
Unser Fallbeispiel beschreibt eine professionelle Volleyballspielerin, die nach längerer sportlicher Pause aufgrund einer Schwangerschaft bei ihrem Wiedereinstieg ein Patellaspitzensyndrom entwickelte. Ein EMG-Mapping des Vastus medialis zeigte deutliche Unterschiede zwischen den Balance-Scores von Vastus medialis und Vastus lateralis auf der betroffenen rechten im Vergleich zur gesunden linken Seite. Während der Balance-Score auf der linken Seite 92 % betrug, erreichte er auf der rechten Seite mit 63% einen deutlich niedrigeren Wert. Der Vergleich zwischen der linken und rechten Seite zeigte, dass in der Aktivität des Vastus lateralis kein großer Unterschied erkennbar war, während der Vastus medialis auf der betroffenen rechten Seite sowohl in der maximal willkürlichen Aktivität, als auch bei den Squat-Übungen, deutlich weniger aktiv war als auf der gesunden linken Seite. Dementsprechend wurde das Training der Patientin angepasst, indem Übungen inkludiert wurden, die auf eine dominante Rekrutierung des Vastus medialis ausgerichtet sind.
Retest nach 5 Wochen
Nach fünf Wochen gezieltem Training des Vastus medialis zeigte der Retest eine deutliche Verbesserung. Während der Vastus lateralis in seiner Aktivität relativ stabil blieb, konnte die Aktivität des Vastus medialis deutlich erhöht werden, sodass eine Balance zwischen der Aktivierung des Vastus lateralis und des Vastus medialis entstehen konnte. Das spiegelte sich auch in den Balance-Scores wider, die beispielsweise bei den Squat-Übungen von 75% auf 91% erhöht werden konnten. Gleichzeitig konnte auch das übergeordnete Ziel erreicht werden, indem sich auch die Symptomatik der Patientin verbesserte.
Der Schlüssel: Dominante Rekrutierung des Vastus medialis
Die dominante Rekrutierung, die in unserem Beispiel zur Verbesserung des Balance-Scores und der Symptomatik der Patientin geführt hat, ist durch verschiedene Übungen möglich und kann anhand von EMG-Biofeedback überprüft werden. Im Gegensatz zum Abtasten der Muskeln oder dem Beobachten bei einer Übung, können durch EMG-Biofeedbacktraining valide Aussagen darüber getroffen werden, inwiefern eine Übung tatsächlich den Vastus medialis dominant trainiert, oder ob doch eher der Vastus lateralis rekrutiert wird. 2 Balken, jeweils einer für den Vastus lateralis und einer für den Vastus medialis, zeigen die Muskelaktivität an und helfen Patienten dabei, visuell zu kontrollieren, welcher Muskel trainiert wird.
Die Beinachse im Fokus
Die Funktion des Knies hängt maßgeblich von der Bewegungsqualität der umliegenden Gelenke ab – vor allem von Fuß und Hüfte. Kommt es nun zu Kompensationen, so können diese mit Hilfe von EMG behandelt werden, noch bevor es zu Symptomen kommt. Kompensationen und Dysbalancen der Beinachse können anhand von EMG-Mappings, beispielsweise des Peroneus longus und des Gluteus medius, oder natürlich des Vastus medialis, präventiv erkannt werden. Im Anschluss können mögliche Dysbalancen gezielt mit Biofeedbacktraining behandelt werden.
Fazit
Der Vastus medialis ist oft ein zentraler Faktor bei Kniebeschwerden. Mithilfe von EMG-Mapping kann seine Aktivität objektiv erfasst und in Relation zum Vastus lateralis bewertet werden. Eine gezielte, dominante Rekrutierung dieses Muskels – unterstützt durch EMG-Biofeedbacktraining – ermöglicht nicht nur eine funktionelle Balance, sondern auch eine messbare Verbesserung der Beschwerden.
