Früherkennung und Prävention von Hamstring-Verletzungen

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Philipp Piroth

Studien zeigen, dass Oberschenkelverletzungen im Fußball etwa 25 % aller Verletzungen ausmachen. Gleichzeitig haben sie mit 56,1% den größten Anteil an nicht-kontaktabhängigen Verletzungen und eine hohe Wiederverletzungsrate, die nach einer Erstverletzung innerhalb von 12 Monaten bei rund 30 % liegt. Wir zeigen euch hier, wie EMG dabei helfen kann, Kompensationen aufzudecken und so präventiv Hamstring-Verletzungen entgegenzuwirken.

Warum entsteht eine Hamstring-Verletzung?

Besonders betroffen von Hamstring-Verletzungen ist der Biceps Femoris, der in 80 % der Fälle involviert ist. Dies resultiert wahrscheinlich daraus, dass der Muskel in der Schwungphase in der exzentrischen Bremsaktivität, also kurz vor Fersenkontakt, kontrahiert. Der Zeitpunkt, zu dem der Muskel maximal angespannt ist und gleichzeitig maximal gedehnt ist, um die Kniestreckung zu verlangsamen und der Hüftbewegung entgegenzuwirken, ist kritisch. Außerdem handelt es sich bei dem Biceps femoris um einen zweigelenkigen Muskel, die typischerweise häufiger von Faserrissen betroffen sind. Alter, Verletzungshistorie und Rumpfinstabilität, beziehungsweise eine schwache Gesäßmuskulatur, sind wesentliche Faktoren. Auch eine eingeschränkte Mobilitätsfähigkeit wie beispielsweise eine geringe Dehnfähigkeit der Hüftbeuger (z.B. M. iliopsoas) oder eine geringe Dehnfähigkeit und Muskelfaszienlänge der Hamstrings, insbesondere des M. biceps femoris, ist ausschlaggebend. Zudem begünstigt ein ungleiches Kraftverhältnis zwischen hinterer und vorderer Oberschenkelmuskulatur und vor allem eine mangelhafte neuromuskuläre Bewegungskontrolle die Entstehung einer Hamstring-Verletzung.

 

Muskuläre Hemmung – Ansatzpunkt von EMG

Kommt es nun zu einer Überlastung, einer Faserruptur, einem Muskelfaserbündelriss oder Ähnlichem, so führt dies zunächst zu einer natürlichen Hemmung des Gewebes, die allerdings nur so lange anhalten sollte, bis sich das Gewebe regenerieren kann. Anschließend ist es essentiell, dass die Muskulatur lernt, wieder aktiv zu sein und mögliche Kompensationen fallen zu lassen. Die häufigsten Kompensationsmöglichkeiten sind hier gluteal, über die Semigruppe (Semimembranosus und Semitendinosus) und über den Rücken. Exakt diese Kompensationen führen jedoch zu Dysbalancen und weiteren muskulären Hemmungen. Um dies aufzudecken, hilft EMG (Elektromyografie) dabei, Muskelaktivität zu visualisieren und somit Dysbalancen und Kompensationen zu detektieren. Anhand davon können dann mit EMG-Biofeedbacktraining Übungen generiert werden, die tatsächlich bei einem Abbau der Kompensationen und Dysbalancen helfen.

 

EMG-Mapping zur Früherkennung und Prävention

Unter EMG-Mapping versteht man eine standardisiert durchgeführte Analyse der Muskelaktivität. Diese dauert etwa 3 Minuten und wird anhand der myoact-App durch vorgegebene Mapping-Übungen angeleitet. Diese Übungen sind für 36 oberflächlich messbare Zielmuskeln vordefiniert und lassen so einen individuellen Report mitsamt eines Balance-Scores generieren. Die Ergebnisse dieses Mappings werden anhand eines Ampelsystems dargestellt und zeigen so Dysbalancen und auffällige Aktivitätsmuster. So können schon früh Kompensationen und Dysbalancen festgestellt werden, um im nächsten Schritt mit Hilfe von EMG-Biofeedbacktraining daran zu arbeiten.

Alle Details zum beschriebenen Fall kannst Du dir hier auch in der Aufzeichnung des Fallbeispiel Webinars ansehen.

EMG-Mapping der Hamstrings

Beim Mapping der Hamstrings wird zunächst die Ruheposition im Stand getestet, bei der die Hamstringmuskulatur noch nicht arbeiten sollte. Anschließend werden sechs weitere Testungen durchgeführt. Zunächst der Toe-Touch mit gestreckten Knien, um die Gegenspannung zu überprüfen: Entspannt sich die Muskulatur in der Position und ist das Hochkommen bicepsdominant oder zumindest ausgeglichen zur Semigruppe? Die aktive Nackenflexion testet die Neurodynamik – erhöht sich die Spannung in der dorsalen Kette mit der Kopfbewegung, liegt eine tonische Schutzreaktion des Nervensystems vor. Während Knieflexionsübungen insbesondere die Semigruppe (Semimembranosus und Semitendinosus) rekrutieren, spricht die Hüftextension den Biceps Femoris an. Deshalb sind beide Übungen Teil des standardisierten EMG-Mappings, um zu überprüfen, ob dies beim Athleten tatsächlich der Fall ist. Abschließend wird das Single-Leg-Bridging mit nahezu gestrecktem Knie genutzt, um die Hamstrings unter funktionellen Bedingungen zu testen.

 

Praxisbeispiel: Die Bedeutung des Trainings für die Hamstrings

In unserem Beispiel eines Profifußballers, der mehrfach sowohl links, als auch rechts Hamstring-Verletzungen erlitten hat, wurden anhand von EMG-Mappings und EMG-Biofeedbacktrainings verschiedene Übungen in sein Training integriert, sodass weitere Rezidive verhindert werden konnten. Ein Screening zum Ende der Saison zeigte deshalb ein gutes Verhältnis bei der Leg Extension, sehr gute Werte auf der rechten Seite und durchschnittliche Werte auf der linken Seite. Im Zuge der neuen Saison fand nun ein Vereinswechsel statt und somit auch eine Veränderung im alltäglichen Training. Während sein ehemaliger Verein den Fokus auf High-Load-Training legte, setzte der neue Verein auf hohe Wiederholungszahlen. Alleine dadurch entwickelten sich ein deutlich schlechteres Muster im Single-Leg-Bridging mit Kompensationen des Biceps Femoris durch die Semi-Gruppe und mehrfach Krämpfe unter Belastung.

 

Entscheidend: Kompensationen abbauen

Da er die Hüftextension mit Außenrotation weiterhin beherrschte, konnte hier in der Therapie angesetzt werden. Das Ziel bestand darin, ihn von dieser gezielten Aktivierung in einen belasteten Bewegungsablauf („Load“) zu überführen. Anhand eines weiteren EMG-Mappings wurde jedoch ersichtlich, dass der Gluteus medius, der eigentlich nur stabilisierend wirken sollte, genauso aktiv war wie der Biceps femoris, der hier eigentlich deutlich aktiver sein sollte. Um dieser Kompensation entgegenzuwirken, muss zunächst die Aktivierung des Gluteus medius und des Biceps femoris voneinander getrennt werden. Anhand von EMG-Biofeedbacktraining konnte dieser koordinative Prozess trainiert werden, indem ein Balken je die Aktivität des Biceps femoris und einer die des Gluteus medius anzeigte. Dabei wurde sichtbar, dass zunächst der Biceps femoris aktiv war, doch schon bei kleinen Veränderungen der Bewegung oder der Belastung der Gluteus medius zunehmend die Arbeit übernahm. Indem die gezielte Ansteuerung trainiert wurde und erst bei Beherrschung dieser die Belastung erhöht wurde, konnte diese Kompensation abgebaut werden.

3 Schritte zur Überprüfung der Hamstrings

Insgesamt können also drei Punkte festgelegt werden, die immer in eine Überprüfung und zur gezielten Prävention der Hamstrings integriert sein sollten. Der erste Schritt ist die Überprüfung des Grundtonus und der Muskelaktivität in einer Nackenflexion. Arbeitet der Biceps Femoris hier, spricht das schon für eine Unökonomie der Muskelaktivität. Im zweiten Schritt sollte getestet werden, ob die Semigruppe in der Knieflexion dominanter arbeitet und der Biceps femoris in der Hüftextension. Ein umgekehrtes Muster ist ein Anzeichen einer Kompensation. Der dritte Schritt umfasst dann das Erlernen einer gezielten Ansteuerung, um Kompensationen entgegenzuwirken. Sobald diese sicher beherrscht wird, kann die Belastung langsam gesteigert werden, ohne dass erneut Kompensationen auftreten. Ein zusätzlicher Tipp ist, umliegende Strukturen ebenfalls zu screenen, um weitere Kompensationen aufzudecken, wie beispielsweise durch den Gluteus medius, und um sicherzustellen, dass diese ausreichend trainiert sind (bspw. der Transversus oder die Fußmobilität).

 

Fazit

Anhand dieser 3 Schritte kann präventiv Hamstring-Verletzungen entgegengearbeitet werden. Durch EMG-Mappings können Kompensationsmuster festgestellt werden, die ohne gezieltes Training Verletzungen begünstigen können. Anhand von EMG-Biofeedback kann eine gezielte Ansteuerung der Muskeln trainiert und dadurch ein effektiver Trainingsplan entwickelt werden. Indem so Kompensationen reduziert werden, werden Bewegungsabläufe ökonomischer und Athleten weniger verletzungsanfällig.

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